Fotografieren mit Muße

Vor einigen Wochen hatte ich begonnen mich bewußter mit meiner Fotografie auseinanderzusetzen. Während die Themen aus den Buch-Workshops Robert Mertens auf Umsetzung warten, habe ich ein weiteres Buch begonnen zu lesen. „Freude am Sehen“ von Hiltrud Enders. Sie verfolgt einen Ansatz der kontemplativen Fotografie.

Gerade Achtsamkeit ist zur Zeit ja sehr in Mode und ich habe ein zwiespältiges Verhältnis dazu. Auch mit Begriffen wie „pures gereinigtes Auge“ oder „Frische des Sehens“ kann ich nur bedingt etwas anfangen. Dennoch, das worum es im Kern geht, entspricht vielen meiner Gedanken und Einstellungen zu (meiner) Fotografie und ich „verstehe“ die Bilder im Buch, die – wie ich finde – im ersten Kapitel sehr treffend mit Alltagspoesie überschrieben sind. Es geht darum, sich auf den Augenblick einzulassen, das, was man sieht, nicht zu bewerten, sondern wirken zu lassen. Eigentlich das Gegenteil von dem, was in vielen Fotobüchern steht, die zeigen, wie man Fotos plant und konstruiert für ein perfektes Bild. Ich plane durchaus die Aufnahme von Bildern, überlege mir bewußt, wie ich es gestalte. Manchmal – und das sind die schöneren Fotomomente – finde ich die Bilder, sie sind da und ich entdecke sie einfach nur. Damit das gelingt, darf ich nicht achtlos sein, sondern achtsam, offen mit wachen Sinnen, konzentriert, aber nicht fokussiert auf ein Ziel. Manchmal sind dies nur Augenblicke, die sich ungerufen einstellen, manchmal bewußt herbeigeführt. So stelle ich mir kontemplative Fotografie vor. (Ich lese aber noch und bin gespannt, welche Erkenntnisse und Aha-Erlebnisse mir das Buch noch bringt.)

Leider gerät diese Sicht in meinem Alltag immer wieder in Vergessenheit oder muss Anderem, vermeintlich Wichtigerem, „Platz“ machen. Selten genug bin ich ganz im Hier und Jetzt und der Kopf ist voll mit Dingen die dringend erledigt werden müssen, Gedanken zur Planung zukünftiger Vorhaben, Problemen jeder Art… Es scheint keine Zeit für diese Art Muße des Sehens zu bleiben.

Dabei sind es gerade die kleinen Auszeiten, die mir das Fotografieren bietet, durch die ich neue Energie bekomme. Hiltrud Enders erinnert daran, dass es keine Extra-Zeit braucht, um seine Umwelt auf diese besondere unvoreingenommene, wertfreie Art zu sehen. Tatsächlich ist es nicht so, dass ich diese Augenblicke nicht wahrnehme, aber viel zu selten und in Fotos bringe ich sie noch seltener. Ich glaube oft nicht daran, dass meine flüchtigen Wahrnehmungen zu guten Bildern werden könnten oder ich nehme mir schlicht nicht die Zeit, die Kamera aus der Tasche zu holen.

Von der Lektüre angeregt habe ich mir morgens auf meinem Arbeitsweg die Kamera eingesteckt – und zwar in die Jackentasche 🙂

Alle Bilder sind quasi im Vorbeigehen entstanden. Sie spiegeln Eindrücke meines Arbeitsweges wider – den ich an diesen Tagen bewusster als sonst und mit offenen Augen gegangen bin. Augenblicke der Muße? Obwohl ich meinen Weg zügig gegangen bin und nur für die Fotos angehalten habe, hat es sich so angefühlt, habe ich mich ein Stück aus dem Alltag herausgenommen.

Ich gebe zu, wenn es regnet wirkt es weniger idyllisch 😉

Oben habe ich mich bezogen auf: Hilturd Enders: Der eigene Blick. dPunkt Verlag, Heidelberg 2019

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