Präzise Wahrnehmung

Ich hatte bereits hier davon berichtet, dass ich zur Zeit ein Buch lese, das sich mit kontemplativer Fotografie beschäftigt. Einigem kann ich zustimmen und es eröffnet eine neue Sicht auf die Fotografie – oder vielleicht eine, die auch schon vorher ähnlich da war, aber durch die Lektüre bewußter wird. Anderes bleibt mir (noch?) fremd.


Hiltrud Enders beschreibt darin, dass kontemplative Fotografie voraussetzt, die Wahrnehmung von eigenen und kulturellen Ordnungssystemen und unseren Projektionen auf die Wirklichkeit zu befreien. Es ginge nicht um Leistung oder unsere Ambitionen, nicht darum, gute Bilder zu machen. Die einfache Sinneswahrnehmung kennt kein gut oder schlecht. Statt um Perfektion ginge es um Präzision der Wahrnehmung: „Du kannst nicht denken und sehen gleichzeitig.“ Das setzt innere Stille voraus, also kein Einteilen, keine Erwartungen, kein Wollen und Drängen. Damit stellt sie das Erleben, die Sinne in den Mittelpunkt.


Fotografie als Meditationsübung. Sicherlich bin ich Anfängerin auf diesem Gebiet. Dennoch ist es … ja wie? In jedem Fall ein Gegenpol zur Hektik des Alltags, erfrischend. Die z.T. ungewohnte, z.T. aber auch immer schon „gewußte“ Herangehensweise führt zu Bildern, die mir gefallen. Und die ich vorher vielleicht nicht so gemacht hätte.

Wieder habe ich morgens meine Kamera mitgenommen und versucht meinen Blick offen in die Welt zu schicken. Die Fotos bilden ab, was ich gesehen habe.


Ich frage mich allerdings, geht das überhaupt, Wahrnehmung ohne Erwartungen, ohne Einteilen in schön und nicht schön, ohne den Gedanken daran, wie die Bilder später gesehen werden. Sind kulturelle Deutungsmuster nicht immer (zwingend) unbewußt mit dabei – selbst wenn ich nicht „denke“? Und wende ich nicht unbewußt meine Aufnahmetechniken, meine Bildgestaltung automatisch, intuitiv und unbemerkt an? (oder ist das doch kein Widerspruch?) Na ja, und ehrlich gesagt, bin ich bereit mich von meinen Ambitionen zu trennen? – Nö, eigentlich nicht. Genauso entspannend und erfrischend wie eine fotografische Meditationsübung empfinde ich eine ambitionierte Fotostunde im „Gelände“. Es gibt einige Bilder, um die ich mich bemüht habe und an denen ich „gearbeitet“ habe. Gute Bilder schenken mir Zufriedenheit und das Gefühl dazu gelernt zu haben. Ich denke, ich möchte, dass in Zukunft beides seinen Platz hat – wobei ich das kontemplative Fotografieren sicher noch weiter entwickeln muss. Ich finde es spannend, wie sich dadurch die Wahrnehmung verändert.

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One thought on “Präzise Wahrnehmung

  1. Liebe Claudia,

    bei mir dient das Fotografieren ebenfalls dem Entschleunigen. Bei mir geschieht es dadurch, dass ich alte manuelle Objektive an moderne Digitalkameras adaptiere.

    Kein Autofokus oder so. Man kann sich auf das Motiv konzentrieren. Der zusätzliche Reiz besteht darin, auszuprobieren, wie das alte Objektiv am Besten einzusetzen ist, denn jedes Objektiv hat seinen eigenen Charakter.

    LG Bernhard

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